Apostle – Review

Gareth Evans schlägt nach den beiden Action-Krachern ‚The Raid 1 & 2‘ in eine für ihn völlig andere Kerbe. Schon in seinem Beitrag im zweiten Teil der Horrorfilm-Anthologie ‚S-VHS‘ konnte man sein Gespür für Horror und Atmosphäre erahnen. Diesmal geht er aber All-In und setzt nach der Sektenthematik im Kurzfilm-Beitrag ‚Save Haven‘ noch einmal eine ordentliche Schippe drauf. Er führt Regie und von ihm stammt auch das Drehbuch.

Thomas Richardson ist verwahrlost, dreckig und verstört. Jahrelang hielt ihn sein Vater für tot, aber plötzlich steht er zu Beginn des 19. Jahrhundert in dessen Büro. Thomas soll seine entführte Schwester Jennifer zurückbringen. Sie wurde von einer Sekte, geführt von Prophet Malcolm, auf eine versteckte Insel abseits der britischen Küste verschleppt und dort gefangengehalten. Für ihre Freilassung verlangen sie Lösegeld. Also macht sich Thomas auf den Weg zur Insel, ohne auch nur irgendwie erahnen zu können, was ihn beim fremdartigen Kult erwartet. Schon in den ersten Minuten schafft es der Film, eine äußerst glaubwürdige Welt zu präsentieren, das Set-Design und die Detailverliebtheit sind sagenhaft. Alles wirkt bis auf wenige Ausnahmen dreckig, authentisch und realistisch, als würde die Insel tatsächlich existieren. CGI wird hier kaum bis gar nicht eingesetzt. Das Sekten-Dorf wurde im Magram-Park in Wales aufgebaut und überzeugt durchgehend. Der Zuschauer bekommt beim Anblick dieser heilen Welt sofort ein unangenehmes Gefühl vermittelt. Dabei lässt sich Evans aber so viel Zeit, dass es teilweise schwierig ist, dranzubleiben. Die Schauwerte und die Atmosphäre wollen einen aber trotzdem nie loslassen.

Thomas wird verkörpert von Dan Stevens, bekannt unter anderem für die Hauptrolle in der Serie ‚Legion‘. Die Rolle des gebrochenen, wütenden, verletzlichen Mannes, der versucht seine Schwester zu retten wurde ihm wieder Mal auf den Leib geschrieben. Michael Sheen mimt den Sektenführer und Antagonisten Malcolm. Malcolm predigt von einer Gottheit, welche über die Insel wacht. Sie hat ihm das Leben gerettet und ihn auserwählt, in ihrem Namen zu sprechen. Sheen macht dies sehr gut, er is charismatisch und wortgewandt, versprüht aber eine bedrohliche Aura. Die Charaktere sind Evans allgemein perfekt gelungen. Jede Figur ist vielschichtig und dies ermöglicht eine emotionale Fallhöhe, die vor allem im Horror-Genre meist fehlt. Die Insel und die darauf lebende Sekte bergen düstere Geheimnisse, welche immer wieder in die Handlung eingestreut werden. Jede Familie muss zum Beispiel jeden Abend eine Blutspende in ein Einmachglas abgeben, welche vor die Zimmer gestellt und eingesammelt werden. Die Gewaltschraube wird Minute für Minute angezogen und der Regisseur geht dabei mit seinem Publikum alles andere als zimperlich um. Es gibt Folterszenen, welche einem lang in Erinnerung bleiben werden, was vor allem an der perfekten Ausführung liegt. Die Spannung ist zum zerreißen, man fiebert mit und Evans geht dabei sogar so weit, dass man am liebsten Abschalten oder selbst helfen will. Da er sich für die Charaktere sehr viel Zeit lässt, ist man umso schockierter von den Geschehnissen und dem Gezeigten. Zart besaiteten Gemütern ist also von dem Machwerk dringend abzuraten. Die Gewalt ist nämlich nicht nur präsent, sondern wird auch detailiert gezeigt.

Musikalisch setzt man auf außergewöhnliche und klassische Sounds. Trommeln und Geigen spielen hier eine tragende Rolle. Speziell die horrorfilmtypische Geigenuntermalung spannt die Nerven des Zusehers bis zum Anschlag. Auch inszenatorisch macht der Film viel her. Die Kameraarbeit ist herausragend und es gibt einige eindrucksvolle Kamerafahrten. Gepaart mit dem detailverliebten, authentischen Set-Design, ergibt sich ein kunst- und stilvoll gefilmter Horrorthriller, der speziell im letzten Drittel brilliert. Die Sektenthematik wird passabel aufgearbeitet. Spätestens nach der ersten Stunde verspürt man nur mehr Abscheu und Wut den Antagonisten gegenüber. „Beware of false prophets, which come to you in sheeps clothing, but inwardly they are ravening wolves.“

Wer zu genau hinsieht, findet aber den ein oder anderen Logik- bzw. Anschlussfehler. Wenn der Protagonist zum Beispiel bei Nacht in eine scheinbar geschlossene Höhle klettert, hat diese am nächsten Morgen plötzlich einen großen Weg nach draußen. Oder Thomas sucht nach etwas, findet es dann aber direkt an einer Stelle, bei welcher man vermutlich zuletzt gesucht hätte. Und wieso gibt Richardson bei der Ankunft seinen echten Namen an, wenn er doch unerkannt bleiben will, und der Sekte bekannt sein sollte, das die Gefangene ebenfalls Richardson heißt?

Fazit:

Nervenzerfetzender und äußerst brutaler Horrorthriller im Stile von Robin Hardys ‚The Wicker Man‘, perfekt geeignet für einen Halloween-Filmabend. Nichts für Zartbesaitete, jedoch darf kein übernatürlicher Gruselschocker erwartet werden. Im ersten Drittel etwas langsam, jedoch mit einem umso eindrucksvolleren Finale. Die wenigen Logiklücken und Anschlussfehler seien dem Regisseur verziehen, den Zuseher erwartet hier nämlich ein Ritt in menschliche Abgründe mit Anspielungen bis hin zur christlichen Inquisition, den man so schnell nicht wieder vergisst.

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Pressematerial ist Eigentum von Netflix – Bildquelle: https://www.imdb.com/

 

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