Climax – Review

Fazit:

‚Climax‘ ist einer der außergewöhnlichsten Filme der letzten Jahre, welcher sein Publikum gleichermaßen verstört und in seinen Bann zieht. Eine Tour de Force der Extraklasse, welche allerdings viele Zuseher durch den extrem langatmigen Einstieg und die darauffolgende ausgedehnte Tanzchoreographie vorzeitig vergraulen könnte. Hat man diese aber überstanden bzw. genossen, entfaltet sich ein albtraumhafter Abstieg in die tiefsten Abgründe des Menschen. Endlich mal ein LSD-Horrortrip, in welchem der Zuseher das Grauen miterlebt. Wer Gaspar Noé nicht bereits kennt, sollte mit dem Schlimmsten rechnen.

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Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde das neue Machwerk von Gaspar Noé mit dem Art Cinema Award ausgezeichnet. Dies ist ein wenig verwunderlich, da der Regisseur hier mit aller Macht versucht zu verstören und das Publikum in Cannes dazu neigt, bei solchen Filmen den Saal vorzeitig zu verlassen. Der Film beginnt mit dem Abspann. Danach sehen wir ausführliche Interviews mit den Protagonisten des Films. Sie verraten uns ihre sexuellen Vorlieben und auch, warum Sie es lieben, zu tanzen. Hier muss man Sitzfleisch beweisen, da man zu den gezeigten Charakteren noch keine Bindung aufbauen konnte und die Interviews daher eher belanglos und langatmig wirken. Dann geht es mit einer atemberaubenden Tanz-Choreografie weiter, welche durch großartige Kameraarbeit überzeugt und auch auf nicht tanzaffine Menschen unterhaltend wirkt. Bei dem über eine halbe Stunde langem One-Shot (Schnitt ließ sich zumindest keiner erkennen), sind wir als Zuseher mittendrin, als wären wir Teil der Choreografie.

Nach gut 40 Minuten beginnt dann der eigentliche Film. Nun macht langsam endlich alles Sinn. Wir sehen eine junge Gruppe von Tänzern und Tänzerinnen bei der Abschlussprobe vor dem Start der großen Welttour. Danach soll ausgiebig gefeiert werden. Für die Proben hat sich die Gruppe in einem verlassenen Schulgebäude irgendwo in Frankreich einquartiert. Die Tanzgruppe setzt sich aus den verschiedensten Charakteren zusammen, von Frauenhelden, über absolute Einzelgänger bis hin zur Drogenabhängigen ist alles dabei. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie würden alles tun, um mit dem Tanzen erfolgreich zu sein. Alle sind gut gelaunt und wirken vor allem sympathisch, aber gleichzeitig eigen. So lernen wir die Charaktere kennen. Da das gezeigte hauptsächlich in Echtzeit abläuft, macht sich langsam das Gefühl breit, dass hier etwas nicht stimmt. Die Tänzer verhalten sich von Minute zu Minute eigenartiger und vor allem viel betrunkener, als sie eigentlich sein sollten.

Der Rausch wird auch mehr und mehr für den Zuseher im Kinosaal spürbar, dies geht sogar so weit, dass man sich selbst beschwingt und euphorisch fühlt. Als sich herausstellt, dass die Sangria mit LSD versehen wurde, beginnt die Stimmung mehr und mehr zu kippen, und langsam aber sicher zeigen sich die wahren Gesichter der Protagonisten, ein wahrer Abstieg in die Hölle beginnt. Die Entwicklungen im Film erinnern einen selbst immer wieder an durchgefeierte Nächte. Fast jeder kennt das äußerst eigenartige Gefühl, wenn ein Abend toll beginnt, dann aber ein fast unerklärlicher Bruch entsteht und sich alles mehr und mehr zum Albtraum entwickelt. Der Regisseur setzt noch einen drauf und zeigt uns wieder die schlimmsten Abgründe des Menschen. Zum Beispiel wenn eine Gruppendynamik überhand gewinnt und klares Denken oder gar Empathie nicht mehr vorhanden zu sein scheinen. Er will uns schockieren und erfreut sich an den Reaktionen der Kinobesucher.

Die Kameraarbeit ist hervorragend. Eingesetzt werden hauptsächlich Trackingshots und die Schnitte im Film werden so gut kaschiert, dass die Immersion perfekt ist. Als wären wir der stille, aber nicht direkt involvierte Beobachter, der langsam vom Rausch und von den Ereignissen mitgerissen wird. Dabei knallt uns ein Elektrosoundtrack um die Ohren, der seinesgleichen sucht. Die Songs sind hierbei passend zu den Ereignissen gewählt. So ist die Musik zu Beginn noch heiter und regt zum Tanzen an, wird dann aber dann immer dunkler, bedrohlicher und verstärkt den Horrortrip immer mehr. Der Regisseur stellt unsere Welt auf den Kopf. Wie weit Gaspar Noé diesmal geht, sollte jeder für sich selbst herausfinden, hier wartet nämlich tatsächlich ein Meisterwerk, im positiven sowie im negativen Sinne. Selbst Menschen, die Drogenkonsum verabscheuen, haben sich diesen bildgewordenen Horrortrip einmal im Leben verdient.

Kinostart: 7. 12. 2018

Pressematerial zur Verfügung gestellt von Thimfilm

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