Suspiria (2018) – Review

Als Luca Guadagnino mit 14 Jahren Dario Argento’s Horror-Meisterwerk ‚Suspria‘ zum ersten Mal verbotenerweise sehen konnte, war für ihn in seinem jugendlichen Leichtsinn klar, dass er irgendwann selbst seine eigene Version des Films drehen würde. Über 30 Jahre später trifft sein Kindheitstraum endlich auf die heimischen Leinwände. Dabei handelt es sich keineswegs um ein einfaches Remake, sondern um eine komplette Neuinterpretation. Lediglich die Handlungsgrundlage bleibt die gleiche. Die junge, ehrgeizige Amerikanerin Susie kommt nach Deutschland, um an einer bekannten Tanzakademie zu studieren.

Zu Beginn begleiten wir allerdings Patricia, gespielt von Cloë Grace Moretz. Sie ist bereits Studentin an der ‚Markos Tanzakademie‘, welche direkt an der Mauer des durch den RAF-Terror aufgerüttelten Berlins im Jahre 1977 ihren Sitz hat. Patricia stürmt die Praxis ihres Psychologen Josef Klemperer. Offensichtlich leidet sie unter Verfolgungswahn und erzählt ihm von einem Hexenzirkel, welcher die Schule leitet. Als Patricia wenige Tage später verschwindet, beginnt der Doktor selbst, Nachforschungen bei der Schule anzustellen. Susie nimmt ihren Platz in der Akademie ein und auch ihr wird schnell klar, dass hier etwas nicht stimmt.

Anfangs ist man als Zuseher eher verwirrt vom Gezeigten. Nach ein wenig Eingewöhnung hat man aber genug Informationen, um der Handlung interessiert und angespannt folgen zu können. Freunde des „gefühlten Sehens“ werden hieran ihre Freude haben. Die Frage, ob hier tatsächlich Hexen am Werk sind, wird sehr schnell aus dem Weg geräumt, vielmehr soll der Grund der gezeigten Handlungen ergründet werden. Der brillante Cast überzeugt dabei auf ganzer Linie. Dakota Johnson verkörpert den Neuzugang Susie. Ihre Darstellung strotzt nur so vor Kraft, Ehrgeiz und Tiefe. Oscarpreisträgerin Tilda Swinton spielt sogar gleich zwei Rollen: Sie verkörpert die berühmte Choreographin Madame Blanc und auch den Psychologen Josef Klemperer. Dafür trägt sie eine großartige Maske und spricht sogar ganze Sätze in gutem Deutsch mit minimalem Akzent. Die Brillanz ihrer Darstellung zeigt sie in der deutschen Rolle, wenn sie englisch spricht. Leider reißt einem ihre Besetzung aber teilweise aus dem Film, da sie ihre Stimme anhand der Stimmhöhe kaum verstellt. Die Rolle eines alten Mannes kauft man ihr deshalb nicht ganz ab. Wenn die Besetzung einen für die Geschichte des Films bedeutenden Hintergrund hätte, wäre dies absolut legitim, so wird man aber tatsächlich trotz ihrer hervorragenden Performance immer wieder abgelenkt.

Die bedrückende Stimmung, die im perfekt gewählten Set der Tanzschule herrscht, liegt auch dem Zuseher nahezu konstant auf der Brust. Der Soundtrack, komponiert von Radioheads Thom Yorke, überrascht mit außergewöhnlichen Songs. Dabei finden sogar nachdenklich anmutende Songs mit Yorkes einzigartigem Gesang ihren Platz. Diese wirken aber nie deplatziert. Zahlreiche Szenen bremsen den Film aber sehr oft aus. Wir begleiten zum Beispiel Dr. Klemperer wiederholt bei seinem Besuch in seinem Haus auf der andere Seite der Berliner Mauer. Darunter leidet das Pacing, da sich für viele eher handlungsunrelevanten Szenen sehr viel Zeit genommen wird. Was natürlich auch die überaus dichte Atmosphäre beeinflusst. Der Film schafft es aber trotzdem, einen mysteriösen Sog zu erzeugen, welchen man sich nicht entziehen kann. Man starrt gebannt auf die Leinwand, da man wissen möchte, wie es weitergeh, speziell dann, wenn man das Original nicht kennt.

Abgerundet wird das ganze Paket dann noch durch die hervorragende Kameraarbeit, gepaart mit dem grandiosen Setting. Die Tanzsschule fühlt sich absolut real an. Zwar nicht annähernd so real, wie damals das Overlook Hotel in Kubrick’s ‚Shining‘, der Regisseur und sein Kameramann schaffen es aber, dem Gebäude eine gewisse Seele und Echtheit zu verleihen. Dies unterstützt die Sogwirkung des Films und auch das unwohle Empfinden, welches vermittelt werden soll, da sich der Zuseher selbst als Neuling in der Tanzakademie fühlt. Die Geheimnisse der Tanzschule möchten erforscht werden, aber werden dabei dem Publikum niemals zu offenherzig präsentiert. Umso weiter der Film fortschreitet, umso mehr wird auch an der Gewaltschraube gedreht. Die gezeigte Gewalt ist direkt, unangenehm und teilweise verstörend, aber nie übertrieben. So entsteht ein Mix aus Mystery, Horror, Thriller und Charakterstudie, welche bis auf so manch überinszenierte, langwierige Szene, stets fesselt und auch Anreize für ein wiederholtes Sehvergnügen bietet.

Fazit:

Äußerst sehenswerte Neuinterpretation von Dario Argentos Horrorklassiker ‚Suspiria‘, welche sowohl durch eine dichte, unangenehme Atmosphäre und durch ihre hervorragenden Darstellerinnen zu überzeugen weiß. Leider verliert sich Guadagnino teilweise zu oft in seinen Szenen, was dem Film einige Längen beschert. Trotz der beachtlichen Darstellung Tilda Swintons als Dr. Klemperer, reißt einem ihre Besetzung sehr oft aus dem Film. Ungeachtet davon, präsentiert uns Regisseur Luca Guadagnino ein stilvolles, absolut fesselndes Horrordrama, welches gänzlich auf klassische Horrorelemente verzichtet und sich ruhig, aber bestimmt vor dem Zuseher entfaltet.

Kinostart: 15.11.2018

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Pressematerial zur Verfügung gestellt von Polyfilm

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