Kajillionaire – Review

Im Rahmen der diesjährigen Viennale, welche vom 22.10. bis zum 01.11. stattfindet, zeigt Miranda July ihr neuestes, ganz besonderes Machwerk „Kajillionaire“. Die dreiköpfige Familie Dyne, bestehend aus Theresa, Robert und ihrer gemeinsamen Tochter Old Dolio, versucht sich mit allen möglichen Kleingaunereien über Wasser zu halten. Sie besitzen z.B. die Schlüssel von einem Bankschließfach, durch welches sie regelmäßig die umliegenden Schließfächer ausräumen. Scheck- und Urkundenfälschung gehört zu ihrem Standardrepertoire, es gibt eigentlich nichts, wovor sie nicht zurückschrecken. Eines Tages treffen sie jedoch auf Melanie, welche vor allem die Welt von Old Dolio gehörig auf den Kopf stellt, scheint es doch so, als würde sie versuchen, die leibliche Tochter der Dynes zu ersetzen. Dabei bringt Melanie aber immer mehr die tiefsitzenden Traumata der fast schon roboterartigen, jungen Frau zum Vorschein. Was wie eine ganz eigene Abwandlung eines Heistmovies anfängt, entwickelt sich so immer mehr zum Familiendrama über Co-Abhängigkeiten und wie schwer diese oft am schwächsten Glied der Kette lasten.

Die Regisseurin hat uns hier einen echten Traumcast zusammengezaubert. Richard Jenkins überzeugt als Familienvater Robert, Debra Winger mimt die unterkühlte Mutterrolle perfekt, Gina Rodriguez ist herzallerliebst als lebensfrohe Melanie und Evan Rachel Wood ist als Old Dolio absolut brillant. Nicht jede Darstellerin schafft es, dass jede ihrer vergossenen Tränen derart echt und von ganz tief drinnen wirkt, denn die Wunden ihres Charakters sitzen ebenso tief. Miranda July’s Drehbuch wandelt gekonnt verschiedenste Themen auf ihr Extrem ab. So sind Robert und Theresa z.B. davon überzeugt, dass man sein Kind nicht verhätscheln sollte, um es auf die grausame Welt vorzubereiten, wirken dem jedoch auf völlig übertriebene Weise entgegen. Liebe gibt’s für Old Dolio nämlich zu keinem Zeitpunkt und durch die fehlende Bindung aber Abhängigkeit zueinander, entspinnt sich ein sehr abstruses Familienbild, was eher dem einer Bande entspricht, als dem einer sich liebenden Familie. Es schwingt aber ebenso viel Kapitalismuskritik mit, July lässt sich aber nicht dazu hinreißen, einfach nur wahllos auf das Thema draufzuhauen, sondern balanciert das Bild mit Roberts Geschichten, Ansichten und Störungen aus der Aluhutecke sehr gut aus. Ihr kompletter Film ist ein Balanceakt, der zwar nie in Richtung Meisterwerk kippt, trotzdem aber unglaublich sehenswert bleibt und unterhält.

Der reduzierte, traumartige Klavier-Soundtrack verstärkt das surreale Erlebnis perfekt und unterstreicht das ungewohnte Gefühl, welches der Film zu nahezu jedem Moment übermittelt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin strotzt nur so vor kreativen Ideen, wenn auch nicht alles funktioniert. Viele der Szenen sind einfach nur schrullig der Schrulligkeits willen, andere wiederum sprühen hingegen nur so vor Tiefsinn und Einsicht. So wie Old Dolio nach ihrem Erlebnis in der öffentlichen Toilette fühle ich mich jedes Mal, wenn ich einen Flug „überlebt“ habe! Es fühlt sich einfach alles wunderbar eigen, fremd, herzlich überzeichnet, verträumt und trotzdem irgendwie herrlich real an. All diese eigensinnigen Zutaten führen zu einem gefühlstechnisch ganz besonderen Filmerlebnis, bei welchem sich so mancher Zuseher selbst erkennen wird und welches ihr nicht missen solltet. Ein buntes Potpourri aus Witz, Verschrobenheit und bunten, seltsam, herzerwärmenden und teils sogar unangenehmen Ereignissen, welches euch mit einem ungewohnten, aber doch heiteren Gefühl zurücklässt. Herzallerliebst schrullig, wenn auch nicht perfekt. Unbedingt anschauen!

Fazit

Ein wirklich durch und durch überraschendes Stück Film, bei dem nicht alles funktioniert und einem viele der Szenen ratlos zurücklassen. Genau diese Szenen machen es aber aus und bescheren euch ein wohlig verwegenes Filmerlebnis, welches in der Form von einem frühen Wes Anderson stammen könnte. Evan Rachel Wood ist wie immer eine absolute Wucht und die bunten, aber irgendwie tristen Bilder werden euch auf seltsame Weise faszinieren. So verfliegen die 106 Minuten wie im Flug und beschäftigen euch danach noch eine Weile. Einer der Filme, die ihr dieses Jahr auf der Viennale unbedingt gesehen haben müsst, außergewöhnlicher und eigenwilliger wird’s dieses Jahr nämlich vermutlich nicht mehr! Jetzt schon einer meiner diesjährigen Lieblinge!

Pressematerial zur Verfügung gestellt von Universal Pictures International Austria
Poster: © 2020 Universal Pictures International Austria

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