Nevrland – Review

„Auf einer Skala von 1 bis 10, wie nah spürst du die Angst hinter dir?“ fragt der Psychologe unseren Protagonisten im Rahmen einer Therapiesitzung. Der 17-jährige Jakob leidet nämlich unter massiven Angststörungen und Panikattacken. Und genau diese Skala durchleben wir in Gregor Schmidingers fiebertraumartigen Langfilm-Debüt ‚Nevrland‘, welches die Fahnen des österreichischen Kinos ganz weit in die Höhe streckt. Jakob wohnt mit seinem Vater, einem Metzger, und mit seinem altersschwachen Großvater in einer kleinen Wohnung. In den Sommerferien schleppt ihn sein Vater für einen Ferialjob in den Schlachthof, mit welchem er bis zum Studienbeginn Geld ins Haus bringen soll. Jakob ist in sich gekehrt, ruhig und zurückhaltend. In seinem Kopf brodelt es aber. Als er nämlich eines Nachts in einem Sex-Chat einen jungen Mann kennenlernt und diesen nur wenige Tage später in der U-Bahn wiederfindet, gerät sein Leben komplett aus den Fugen.

Schmidinger schafft es, die entrückte, düster nostalgische Stimmung des österreichischen Kinos mit neuen Elementen zu verbinden, wie sie unter anderem nur David Lynch einsetzt. Die Perspektiven und Kameraeinstellungen bescheren dem Zuseher Unbehagen, welches im Verlauf des Films nach und nach potenziert wird und den Strudel der Angst und Verzweiflung auch für Beobachter spürbar macht. Ein Rausch aus Emotionen, Stroboskop-Blitzen und Neon-Licht. Darin verwebt er zusätzlich noch eine sympathische Coming-Of-Age-Geschichte, in welcher sich die beiden jungen Männer Stück für Stück auf die Spur und immer wieder einen Schritt näherkommen. In keinem Moment ist diese aufgesetzt, deplatziert oder unangenehm. Eventuell nur ein kleines bisschen zu lang. Kurz vor dem wahnsinnigen Finale kommt das Pacing dadurch ein wenig ins Stocken. Die dazu gespielten pochenden, treibenden Technobeats ziehen einen dann endgültig tief in den Abgrund, in welchen auch der Hauptdarsteller stürzt.

Die Rolle des Jakob übernimmt der Schauspielneuling Simon Frühwirth, welcher sich durch seine einnehmenden, verkopften, aber hilflosen Blicke als absolute Idealbesetzung herausstellt. Ein durch und durch ehrliches Porträt einer gebeutelten, verschlossenen Seele, welches nie zu tief blicken lässt, aber stets neugierig macht. Unterstützt wird er unter anderem von Josef Hader. Er spielt den Vater Jakobs, der sich lieber zurückzieht und kaum zu einer offenen Konversation in der Lage ist. Hader beweist wieder mal, was für ein Schauspieler in ihm steckt. Seine nuancenreiche, wenn auch kurze Darstellung, lässt den Zuseher hinter seine Fassade blicken. Tief in ihm ist er nämlich auch verzweifelt. In ganz kleinen Moment lässt er dann aufblitzen, dass ihm sein Sohn doch äußerst wichtig ist und dass ihm dessen Zustand wirklich weh tut. Er weiß damit nur nicht umzugehen. Sagenhaft! Ebenso großes Lob verdient auch Paul Forman. Er spielt den Love-Interest von Jakob und überzeugt ebenfalls in der Darstellung des kompletten Gegenpols seines Gegenübers.

Die Kameraarbeit, der Schnitt und das Drehbuch tragen maßgeblich zum großartigen Gesamtpaket bei. Ruhig und bedacht will uns der Regisseur die Szenerie näherbringen und uns abtauchen lassen. All das macht ‚Nevrland‘ zu einem unglaublich intensiven Kinoerlebnis, welches man so kaum noch vom österreichischen Kino kennt. Jeder hat irgendwie mal mit der persönlichen Angst, dem inneren Schweinehund zu kämpfen. Dadurch packt einem das Gezeigte umso mehr und drängt sein Publikum an einen Abgrund, auf dessen Grund eine tiefe Erkenntnis wartet. Diese kommt im Finale derart aus dem Nichts, dass sie mich zutiefst emotional berührt hat. Im Mittelpunkt steht die Angst und nicht Jakobs Homosexualität. Wir sollen sie fühlen, miterleben, ihr ausgeliefert sein. Das Sounddesign, die Schreie der Schweine aus dem Schlachthof, das dröhnende Gefühl im Nacken, alles greift perfekt ineinander. Chapeau, Herr Schmidinger, ich bin begeistert!

Fazit:

Vor dem Film erwartet uns eine Warnung für Menschen mit Epilepsie und Angststörungen. Und bei dieser Aussage handelt es sich nicht um aufgesetzte Stimmungsmache, sondern um eine ernstzunehmende Warnung. Was Gregor Schmidinger mit seinem Albtraum von einem Regiedebüt auf sein Publikum loslässt, ist der Wahnsinn. Gemeinsam mit Protagonisten Jakob tauchen wir tief in die Abgründe der menschlichen Psyche ab und lassen unser Leben von Angst diktieren. Omnipräsent und bösartig, nur um im grandiosen Finale entlarvt zu werden. Freunde des außergewöhnlichen Kinos sollten der kleinen österreichischen Kinorevolution unbedingt einen Blick widmen – David Lynch würde Stolz sein! Gratulation an den Regisseur, ‚Nevrland‘ ist erfrischend anders, neu und intensiv!

Kinostart Österreich: 13.09.2019

Kinostart Deutschland: 17.10.2019

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Pressematerial zur Verfügung gestellt von Filmladen

 

 

 

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