Joker – Review

„I hope my death makes more cents than my life“ ist eines der Zitate des Films, welches in diesem Fall sogar nur in geschriebener Form auftaucht und mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist. Denn schon lange ist mir kein Satz mehr untergekommen, der unseren momentanen Zeitgeist besser trifft. Schon immer waren für mich die Filme am spannendsten, die mich im Nachhinein noch Tage oder sogar Wochen beschäftigten. Weil sie mir etwas mitgegeben oder sogar einen Teil von mir genommen haben. Ein Fünkchen Weisheit zum Preis eines kleinen Stückchens Unschuld. Oder wenn sie mir das Gefühl von Verständnis geben. Todd Phillips ‚Joker‘ hält für jeden von uns Hausaufgaben parat, ganz egal welchen der genannten Effekte der Film auf einen hat. Als Bonus umweht das Projekt mit all seiner Kontroverse, der überaus spannenden Entstehungsgeschichte und seinem tollen Hauptdarsteller noch zusätzlich ein Hauch von Mysterium. Was wohl daran liegen mag, dass ich bis auf den ersten Teaser so ziemlich jegliche Art von Promotion vorab von mir ferngehalten habe. Die Panikmache in den USA ließ mich dann aber aufhorchen.

Jeder partizipierende Journalist hat den Film offensichtlich vorab nicht gesehen und somit den letzten Satz des Jokers verpasst, welcher vermutlich genau für all jene geschrieben wurde. In Phillips Interpretation von Batmans ikonischsten Gegenspieler wird nämlich zu keiner Sekunde etwas verherrlicht oder glorifiziert. Vielmehr geht es ganz tief hinab in die Abgründe einer gescheiterten Gesellschaft, dem Gotham der frühen 80er. Joaquin Phoenix‘ Joker steht vor diesem Abgrund, winkt freundlich und lächelt, nur um uns im nächsten Moment zu packen und sich mit uns hinunterzustürzen. Im Nachgang reißt das Mysterium jedoch nicht ab. Getragen wird es jetzt allerdings vom Interesse an der Tiefe des Gezeigten und der umwerfenden Bildsprache, welche weniger mit dem Finger auf etwas zeigt, sondern Phoenix Darstellung genug Raum gibt, um die Gedanken und Gefühle des Zusehers da schon Kreisen zu lassen. Darum will ich ihn nochmal sehen, den überaus überraschenden Score angeführt von tiefen Streichern und Bässen nochmal erleben. Mich an der Originalität und der Ernsthaftigkeit des Stoffs erfreuen und mit Joaquin Phoenix dem Wahnsinn verfallen. Ganz ohne Kritik möchte ich dabei aber nicht bleiben. Es gibt die ein oder anderen Pacingschwächen, wo sich der Regisseur etwas zu sehr an seinem Hauptdarsteller ergötzt. Außerdem ist die Charakterentwicklung des Clowns an einem Punkt vielleicht ein klein bisschen zu sprunghaft. Wenn man die zuvor angeschnittenen Umstände im Hinterkopf behält, kann man es allerdings verschmerzen. Phoenix Präsenz ist ohnehin viel zu einnehmend, um derartigen Gedanken Luft zu geben.

So viel wir von Phoenix als Arthur Fleck auch sehen, so wenig erfahren wir von seinem Inneren, was den Film unberechenbar bleiben lässt. Gebannt und vielleicht sogar bis ins Mark erschüttert, will man wissen, wie es weitergeht und gleichzeitig tiefer bohren. Die Performance des Ausnahmeschauspielers ist hypnotisierend. Sein ausgemergelter Körper, sein auf vielen Ebenen unangenehmes Lachen und sein emotionsgeladenes, aber gleichzeitig zurückhaltendes Schauspiel provozieren eine große Bandbreite an Emotionen beim Zuschauer. Die völlige andere Herangehensweise an den Charakter rechtfertigt auch keinen Vergleich zu Heath Ledgers Performance in ‚The Dark Knight‘, beide stehen völlig berechtigt für sich. ‚Joker‘ fühlt sich allgemein erfrischend anders an. Das Handling der Kamera ist charaktergetrieben, glänzt aber außerdem mit vielen hervorragenden Einstellungen und Bildkompositionen. Die Musik ist tragend und dabei taktgebend und kommt von der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir, welche bereits den hervorragenden Score zu ‚Chernobyl‘ beigesteuert hat. Alles fügt sich zu einem ganz eigenen Filmerlebnis zusammen, welches in dieser Form vielen vor den Kopf stoßen, aber sicher ebenso viel Zuspruch erhalten wird. Vieles der Kritik halte ich durchaus für berechtigt, den Vorwurf der Anstachelung zur Rebellion weise ich aber empört zurück. Auf den falschen Gedanken, dass es sich hierbei um eine klassische Comicverfilmung handelt, kommt wohl eh kaum noch jemand und ich kann den immer wieder aufkommenden Vergleich zu anderen Comicverfilmungen nicht nachvollziehen. Die offensichtlichen Inspirationen durch Scorseses ‚Taxi Driver‘ und ‚The King of Comedy‘ lassen sich jedoch nicht absprechen.

Fazit:

Düster, brutal und echt fühlt sich Todd Phillips Herangehensweise an den Joker an, brillant ausgeführt von einem der besten Schauspieler unserer Zeit. Langsam und geerdet wird uns Arthur Flecks endgültiger Verfall in den Wahnsinn präsentiert. Die Faszination um den wohl bekanntesten Bösewicht der Comicgeschichte reißt einfach nicht ab. Dem Regisseur und Drehbuchautor gelingt ein Drahtseilakt, da er nie zu plump agiert, aber doch sehr weit geht und sich so einiges traut. Joaquin Phoenix physisch und psychisch äußerst emotionale Darstellung geht unter die Haut und regt zum Nachdenken an. Man kriegt tatsächlich, was der Teaser verspricht, daher sollte man auch wissen, worauf man sich einlässt. Um Popcorn-Kino handelt es sich bei ‚Joker‘ nämlich definitiv nicht. Für mich einer der außergewöhnlichsten Filme des bisherigen Jahres!

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Pressematerial zur Verfügung gestellt von der Warner Bros. Entertainment Inc.

2 Kommentare zu „Joker – Review

Gib deinen ab

  1. Ein wohltuende Beschreibung des Films, abseits aller Versuche der ideologischen Ausbeutung, die derzeit in unseren Medien zu finden ist, und auch gleichzeitig Lust auf den Film macht, der mich schon im Frühjahr diesen Jahres nach dem Sichten des ersten Trailers mehr als neugierig gemacht hatte.

    Nach dem mehr als bulligen Auftreten Phoenix in dem Film „You were never really here“ bin ich auch gespannt auf seine körperliche Erscheinung im „Joker“,die mich ein wenig an C. Bale in „The Machinist“ erinnert, zeigt aber auch die ungeheure Bandbreite im schauspielerischen Spektrum auf, zu der nur wenige Darsteller befähigt sind!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo! Vielen Dank für deinen tollen Kommentar, freut mich wirklich sehr. Ich wäre auch sehr gespannt auf deine Meinung nach deiner Sichtung! 🙂

      Der Vergleich zu Bale in ‚The Machinist‘ ist gar nicht so abwegig, wenn Bale auch ein wenig mehr ans Limit gegangen ist. Ich wünsch dir viel Freude beim Film!

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