Vergiftete Wahrheit – Review

1998. Farmer Wilbur Tennant verkauft dem Chemie-Großkonzern DuPont Teile seines Landes. Nur kurze Zeit später beginnen seine Kühe sich eigenartig und aggressiv zu verhalten. Als er fast seine komplette Herde deshalb töten muss, bleibt ihm nur ein letzter, verzweifelter Versuch, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Also kontaktiert er den eigentlichen Firmenanwalt Robert Bilott und fleht ihn an, in seinem Namen zu recherchieren und ihn zu verteidigen. Da es sich beim betroffenen Ort um einen von Roberts Heimartorten handelt, in welchem seine Großmutter lebt und er viele glückliche Kindertage verbracht hat, will er den aufgebrachten Landwirt zumindest beruhigen. Als die erschreckenden Tatsachen sich allerdings beginnen zu stapeln, kann Robert nicht mehr loslassen und deckt schließlich einen der größten Skandale unserer Zeit auf, von welchem die meisten von uns betroffen sind, aber kaum jemand weiß. Deshalb war es dem Regisseur Todd Haynes und Hauptdarsteller Mark Ruffalo ein persönliches Anliegen, uns mit „Vergiftete Wahrheit“ über die Machenschaften des Konzerns und wie sich solche selbstregulieren, aufzuklären.

Haynes nimmt sich dem realen Stoff, basierend auf dem New York Times Artikel „The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare„, äußerst zurückhaltend und realtitätsnah an. Wir begleiten den Anwalt über zwei Jahrzehnte bei seinen Ermittlungen, beginnend mit dem ersten Aufeinandertreffen Bilotts und Tennants. Was direkt auffällt, ist der grandiose Cast. Mark Ruffalo spielt Robert Bilott, Anne Hathaway seine Frau Sarah, Tim Robins mimt Roberts Boss Tom Terb und im späteren Verlauf sehen wir sogar Bill Pullman mit einer hervorragenden Darstellung des Anwalts Harry Deitzler. Die größte Schauspiellast des Films liegt auf den Schultern Ruffalos. Er trägt die Geschichte bravourös und fängt perfekt die zurückhaltende, aber bestimmte und ehrgeizige Art des Anwalts ein, der sich nicht von dem Fall abbringen lässt, selbst als der Ruf seines Arbeitgebers und somit sein Job auf dem Spiel steht. Anne Hathaway brilliert ebenso in ihrer Nebenrolle. Sie übernimmt den Part des emotionalen Ankers, der Robert unterstützt und am Leben hält. Bill Camp, welchen viele von euch zuletzt aus Joker oder aktuell aus HBOs „The Outsider“ kennen dürften, spielt den gebeutelten Farmer Wilbur Tennant und auch ihm gebührt ganz großes Lob. Jede einzelne Rolle wurde toll gecastet und wird hervorragend gespielt.

Inszenatorisch gibt man sich ruhig und zurückhaltend. Es gibt keinerlei Schnickschnack durch aufwändige Einblendungen oder Montagen. Die Geschichte soll sich durch die Gegebenheiten selbst entfalten. Die zahlreichen, oft über mehrere Jahre gehenden Zeitsprünge wurden sinnvoll eingebaut und sorgen nie für Verwirrung. Lediglich zu Beginn des letzten Drittels gibt es einen kleinen Durchhänger, wo es sich ein bisschen zieht und streckt. Dabei handelt es sich um den einzigen Makel, den ich feststellen konnte. Erwartet allerdings kein Meisterwerk, dass will der Film zu keinem Zeitpunkt sein. In erster Linie geht es in „Vergiftete Wahrheit“ um die Aufklärung des Publikums über den haarsträubenden Fall, der sich bis heute noch hinzieht und Robert Bilott so viel an Kraft und Leben gekostet hat. Darum will ich euch diesen Film wirklich ans Herz legen, euch wird es die Schuhe ausziehen. Ihr werdet nach Hause gehen, vieles in Frage stellen und vielleicht sogar handeln wollen. Richtig erschütternd ist nämlich die Tatsache, dass man bei uns kaum bis gar nichts von dem Skandal mitbekommen hat, obwohl wir die mit der Firma verbandelten Produkte ebenso benutzen und dadurch mitbetroffen sind. Also tut euch den Gefallen und seht ihn euch allerspätestens im Heimkino an, denn dieser Wahnsinn geht uns alle an. Jeder Filmkritiker, der „Vergiftete Wahrheit“ als generisch oder zu formelhaft bezeichnet, sollte mit Teflon beschichtet werden, etwas derart Schwachsinniges habe ich nämlich schon lange nicht mehr gehört. Wieder mal die Cancel-Culture at its best. Meinerseits gibt’s eine dringende Empfehlung!

Fazit

Todd Haynes neuestes Werk soll aufrütteln und schockieren, was dem Regisseur in ganzer Linie gelungen ist. Sein hervorragender Hauptdarsteller Mark Ruffalo trägt den kompletten Film im Alleingang und zeigt sich in einer der besten Performances seiner Karriere. Haynes verzichtet darauf, im Leid der direkt Betroffenen zu baden, sondern lässt die Schicksale gezielt wirken. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, sein Publikum auf fast dokumentarische Weise aufzuklären. Der fortwährende, schon Jahrzehnte andauernde Einsatz von Robert Bilott soll geehrt werden. Es ist nämlich erstaunlich, dass noch kaum Informationen zu den haarsträubenden Machenschaften des Chemiekonzerns DuPont zu uns rübergeschwappt sind, obwohl wir ebenso davon betroffen sind. „Vergiftete Wahrheit“ ist ein hervorragend inszenierter und durch und durch packender Thriller, der euch, wie auch damals Robert Bilott, das Thema langsam näherbringt und euch mit jeder fortschreitenden Sekunde mehr in seinen Bann ziehen wird. Lasst euch jedoch nicht vom Trailer täuschen, hier geht es um wahre Ereignisse, welche nicht aufgebauscht oder dem filmischen Erlebnis zuliebe dramatisiert wurden. So möge man den kleinen Durchhänger zu Beginn des ersten Drittels verzeihen. Von mir gibt es eine uneingeschränkte, dringende Empfehlung, denn dieser Wahnsinn geht uns alle an und zeigt nur die Spitze des Eisberges.

Kinostart: 16.04.2020

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Pressematerial zur Verfügung gestellt von Tobis Film

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