The Last of Us 2 – Review

Nach Monaten der Stille mangels Kinoneuerscheinungen melde ich mich nun endlich zurück. Jedoch nicht mit einem Review zu einem Kinoneustart, sondern mit meinem ersten Review zu einem Videospiel. In all dem Chaos durch die Pandemie hat uns Naughty Dog nach einer kurzfristigen Verschiebung endlich das Meisterwerk beschert, welches sich seit Jahren am Horizont zusammengebraut hat, nämlich „The Last of Us Part 2“. Wie auch schon bei Teil 1 mit der Playstation 3, bringen die Entwickler mit der Fortsetzung die Playstation 4 zum Abschluss der Konsolengeneration nochmal ordentlich zum Glühen und reizen dabei das absolute Maximum der Konsole aus. Aber solltet ihr „The Last of Us“ vorher gespielt haben? Unbedingt, sonst habt ihr von der Welt, den Protagonisten und der Story schlicht überhaupt keine Ahnung. Es wird auch darauf verzichtet, euch alles nochmal vorzukauen. Im Idealfall spielt ihr vorab den Erstling nochmal, sollte euer erster Durchgang mit Teil 1 schon länger her sein. In jedem Fall empfehle ich euch zumindest eine kurze Storyzusammenfassung zu schauen. Denn Teil 2 wirft uns direkt und ohne langes Vorgeplänkel in die Endzeit zurück. 4 Jahre sind vergangen und Ellie und Joel leben nach wie vor in dem kleinen Städtchen Jackson, wo sich eine Vielzahl an Überlebenden ein den Verhältnissen entsprechend normales Leben aufgebaut haben. Die Vergangenheit schläft allerdings nicht und so holt sie schließlich unsere beiden Protagonisten mit voller Wucht ein. Mehr werde ich zur Story vorab nicht verraten.

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Ihr spielt die inzwischen erwachsen gewordene Ellie, durchstreift von der Natur zurückeroberte Städte und kämpft dabei gegen von einem Pilzvirus befallene, klangsensitive Untote und jede Menge zwielichtige Überlebende. Nebenbei lootet ihr Ressourcen zum Craften von Munition, Fallen und Waffen, sowie zum aufleveln eures Charakters und zum permanenten Upgraden eures Waffenarsenals. Der Fokus liegt wie schon im Vorgänger voll und ganz auf der Story. Neue Maßstäbe setzt Naughty Dog eindeutig beim Storytelling. Eine derart realitätsnahe Inszenierung mit absolut echt anmutenden Charakteren und lebensnahen Dialogen habt ihr in einem Videospiel noch nicht erlebt. Von den Feinheiten der Gesichtsanimationen über die geschmeidigen Bewegungen Ellies beim durchschleichen und durchstöbern der Stadtruinen bis hin zum tiefgreifenden Environmental Storytelling, in nahezu jedem Aspekt werden hier bekannte Grenzen gesprengt. Alles trägt zur unglaublichen Immersion von „The Last of Us Part 2“ bei. Ebenso viel Perfektion legt man beim Sound an den Tag. Sowohl beim Sounddesign und auch bei der Synchronisierung (wo ich euch wie immer den englischen Originalton empfehlen möchte, deutsche Untertitel sind vorhanden). Die Waffen haben ordentlich Wumms und Knallen vor allem mit maximaler Dynamic Range (in den deutschsprachigen Optionen „Dynamikumfang“) derartig, dass ihr bei so manchem Schuss zusammenzucken werdet. Um den Sound richtig genießen zu können, möchte ich speziell Besitzern der normalen PS4 die Verwendung von ordentlichen Kopfhörern ans Herz legen, Ihr solltet euch nämlich auf flugzeugtriebwerksartige Zustände bei der Konsole einstellen. Selbst mit meiner Playstation 4 Pro und meiner 5.1 Anlage hab ich irgendwann auf meine Noise Canceling Kopfhörer zurückgegriffen, da mir die lauten Lüfter die Immersion geraubt haben. Die Einstellungsmöglichkeiten zur barrierefreien Bedienung sind übrigens äußerst umfangreich, solltet ihr Hilfestellungen bei der Bedienung oder beim Erleben des Spiels benötigen.

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Ein weiterer, wichtiger Punkt ist die ausführliche, lebensnahe Charakterzeichnung und im weiteren Verlauf auch deren Entwicklung. Ihr lernt die zahlreichen neuen und bekannten Charaktere kennen und lieben, ganz viel Aufmerksamkeit haben aber auch eure Gegner bekommen. Es wirkt fast so, als hätte jeder Gegner einen eigenen Namen und eine eigene Hintergrundgeschichte erhalten. Wenn ihr also mal auf eine gegnerische Patrouille trefft, erzählen die sich nicht nur den ein oder anderen Schwenk aus ihrem Leben, sondern reagieren wuterfüllt und schockiert, wenn ihr zum Beispiel ihrem Kumpel John mit der Schrotflinte den Kopf vaporisiert. Was euch ebenso aus dem Konzept bringen wird, plötzlich ballert ihr euch nämlich nicht mehr durch namenlose Gegnermaßen, sondern habt scheinbar ein Mitglied einer Gemeinschaft ermordet und müsst jetzt mit den Reaktionen der hinterbliebenen, oft auch vierbeinigen Kameraden klarkommen. Ein Stich ins Herz eines jeden Tierfreunds, speziell dann, wenn ihr Wastl selbst mal ins Visier nehmen müsst und damit dem zusehenden Herrchen das Herz brecht.

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Das bitterernste, düstere und ultrabrutale Endzeit-Szenario versprüht eine zum schneiden dichte Atmosphäre. Beklemmung und Angst bestimmen unser Spielerlebnis, die unendlich detaillierte und mit Geschichten gefüllte Welt fördert gleichzeitig unseren Entdeckerdrang. So looten wir trotz Abnutzungserscheinungen aufgrund der beschränkten Craftingmöglichkeiten weiter, wir wollen ja schließlich keine neue Waffe und kein Dokument verpassen. Die Detaildichte kennt kaum Grenzen, so finden wir zum Beispiel im Laufe des Spiels ein Plüschtier, welches dermaßen echt und flauschig aussieht, dass man sich förmlich vorstellen kann, wie es sich anfühlen würde. Stoffstrukturen von Rucksäcken oder Baseballschlägern, Reflektionen in Pfützen und die detaillierte, äußerst schmerzhafte Darstellung von Wunden ziehen uns immer weiter in die Spielwelt. Die Vielzahl an detailverliebten Kleinigkeiten macht es aus und zeigt die unendliche Liebe, die in die Erschaffung der Welt geflossen sein muss. Sei es ein Zittern, ein Gesichtsausdruck, die Art und Weise, wie sich die Spielfigur durch die Spielwelt bewegt, ein gut verstecktes Storydetail, Ellies Tagebucheinträge, alles strotzt nur so vor Detailreichtum. Aber nicht wie zum Beispiel bei Red Dead Redemption 2 anhand der schieren Menge an Details, vielmehr in einem kleineren, intimeren, auf die Essenz komprimierten Rahmen. Wenn man sich darauf einlässt, kann man das Leid fühlen, für welches man selbst verantwortlich ist. Es handelt sich um ein Spiel für Erwachsene, verklärte Heldenfantasien haben in einem derart realitätsnahen Spiel nichts zu suchen. Was dies zu bedeuten hat, dürfen wir im Spielverlauf lernen.

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Gewisse Längen lassen sich aber nicht von der Hand weisen. Irgendwann fällt es auf, wenn man euch immer wieder auf teils nebensächliche, lange Wege schickt, aber gegen Ende wird es schon sehr offensichtlich, dass den Entwicklern die Ideen ausgegangen sind, um euch plausibel mehr von der mit Geschichten gefüllten Welt zu zeigen, ohne dass es sich gestreckt anfühlt. Da agiert schon mal der eigene Charakter als Stimme der Vernunft, die von den KI-Begleitern kollektiv niedergeschlagen wird. Da kommen dann auch mehr und mehr die Abnutzungserscheinungen des Gameplays zum Vorschein, was über die langgezogenen Strecken einfach nicht hinwegtäuschen kann. Trotz der offensichtlichen Längen im letzten Drittel steckt ihr dann allerdings schon so tief in der Spielwelt drin, dass ihr derartige Nebengeräusche stillschweigend hinnehmt, und jede weitere Stunde in der Endzeit genießt. Denn Naughty Dog ist hier wahrlich ein absolutes Meisterwerk gelungen, dass euch in eine zu Beginn schwarz-weiß anmutende Welt wirft, der nach und nach mehr Farben und Facetten hinzugefügt werden, bis der Strudel der Gewalt in blutrot über euch Hinweg fegt. Ihr werdet eure Taten hinterfragen, euch vielleicht sogar für diese schämen und ganz bitter dafür büßen. Mit Gewalt und Leid, welches einem bis ins Mark erschüttert.

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Fazit

„The Last of Us Part 2“ ist ein packender, kompromisslos brutaler, herausragend inszenierter Horror-Survival-Thriller mit klarem Stealth- und Storyfokus. Grafisch wird euch hier so ziemlich das Beste geboten, was es aktuell zu sehen und spielen gibt. Und das auf einer fast 7 Jahre alten Konsole. Naughty Dogs äußerst mutige Herangehensweise an das Thema Gewalt sollte zumindest über die komplette Spielzeit mit eurer vollen Aufmerksamkeit belohnt werden, danach kann sich jeder gerne selbst ein Urteil bilden. Gebt den Entwicklern aber zumindest eine Chance, ihre mit so viel Herzblut gefüllte Geschichte fertig zu erzählen. „The Last of Us Part 2“ ist nämlich nicht weniger als ein herausragendes Meisterwerk, welches euch trotz Längen im letzten Drittel zutiefst erschüttern und emotional umhauen wird. Neil Druckmann und sein Team haben es wieder mal geschafft!

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Pressematerial zur Verfügung gestellt von Sony Interactive Entertainment

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