Ghost of Tsushima – Review

Zum mit gigantischen Schritten näher rückenden Abschluss der aktuellen Konsolengeneration haut uns Sucker Punch gemeinsam mit Sony nochmal ordentlich was um unsere Augen und Ohren. „Ghost of Tsushima“ nennt sich das gute Stück. Böse Stimmen schimpfen es Assassin’s Creed Japan, aber haltet ein! Diese ehrenlosen Ketzer wissen nicht wovon sie sprechen! Okay, vielleicht haben sie doch ein bisschen recht, aber zieht keine voreiligen Schlüsse, Sucker Punch’s Eigeninterpretation der Open World Formel will das optimale Kondensat aus dem mit Quantität statt Qualität überladenen Genre sein. Die Map ist gerade mal schlappe 28 km² groß. Im Vergleich dazu misst die Map von GTA V gigantische 216 km², wobei die Insel zwischen Südkorea und Japan in der Realität 696,44 km² an Fläche hat. Die Mapgröße ordentlich runterzudampfen dürfte wohl eine der besten Entscheidungen gewesen sein, die das Studio hätte treffen können. So bleiben euch ewig lange Laufwege erspart und man konnte sich mehr Zeit nehmen, um jeden Aspekt der Karte zu designen. Um euch mehr Abwechslung zu bieten, hat man die verschiedensten Landschaftsmerkmale Japans auf die kleine Insel verteilt, was das genau bedeutet findet ihr aber am besten selbst raus. Zur heftigen Optik kommen wir aber noch!

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Man wird durch den immersiven Spielfluss beim Erkunden der Welt ständig von Nebenbeschäftigungen und Nebenquests angezogen, welche ich sehr oft tatsächlich gemacht habe, weil ich mich zu ihnen berufen gefühlt hatte. Ein rechtschaffender Bürger wird von einer Gruppe Mongolen angegriffen? Nani!? Hold my horse! Dann gibts da noch ganz viele Dörfer, die befreit, Schreine, die bewundert, Leuchttürme, die entfacht und Nebenquests, die erledigt werden wollen. Diese Nebenbeschäftigungen wirken aber nur selten deplatziert oder als wären sie nur dazu da, um die Spielzeit zu strecken. Vielmehr wird alles liebevoll in die Spielwelt eingewoben. Mit genug Raum dazwischen, um den wunderschönen Landschaften Zeit zum Atmen zu geben. Also nicht wie bei so manch anderen Open World Franchises, als hätte jemand einfach ziellos einen riesigen Eimer voll Symbole auf die Map geschüttet und dann die Nebenquests ins Spiel eingearbeitet. Da es kaum Anzeigen gibt und euch keine Questmarker die Immersion rauben, könnt ihr euch voll auf die lebendige Spielwelt einlassen. Mini-Map? Fehlanzeige, die brauchen wir eigentlich nicht! Ihr orientiert euch lediglich mit dem Wind, der euch mit einem Wisch nach vorne am Touchpad des Controllers die Richtung zum Questmarker weist. Eine unglaublich tolle Idee, welche wirklich stimmungsvoll in Szene gesetzt wurde, auch wenn man sich anfangs mal daran gewöhnen muss und die Richtung nicht immer sofort eindeutig erkennbar ist. Da sich die Welt dermaßen echt anfühlt und gleichzeitig die Sammelaufgaben und besonderen Orte schön organisch verteilt sind, fühlt sich auch der Charakterprogress relevant und motivierend an. Auch wenn es gelegentlich mal vorkommt, dass die Questbelohnungen sich etwas unbalanced anfühlen, weil man für eine kurze Miniquest mehr Erfahrung bekommt, als für das Ausräumen eines ganzen Gegnerlagers.

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Um eure Ausrüstung und Schwerter zu verbessern sammelt ihr Ressourcen wie z.B. Bambus, Blumen oder Leinen. Skillpunkte schaltet ihr durch das Erledigen der zahlreichen Quests und Aufgaben frei. Die könnt ihr dann in Verbesserungen eurer Ghost-Gadgets investieren, sowie Combos oder spezielle Fähigkeiten damit freischalten, welche immer eine sinnvolle Verbesserung und eine Erleichterung im Kampf darstellen. Die zahlreichen Masken, Hüte und Outfits geben euch die Möglichkeit, euren eigenen Meuchel-Samurai zu kreieren. Weiß wie der leibhaftige Tod, schwarz wie die Nacht oder doch in bunten Farben. Und dann gibt’s da noch die unfassbar stylischen Schwertsets, die überall auf der Insel verteilt sind. Wie ihr merkt, erfüllt die Suchtspirale ihren Zweck. Ich bin nämlich derart der Welt und den Nebenaufgaben verfallen, dass ich mich tatsächlich nach über 30 Stunden am Schlafittchen packen musste, um endlich die Hauptstory abzuschließen und für euch endlich das Review fertig zu bekommen. Jetzt wisst ihr aber auch, was ich machen werde, sobald ich das letzte Wort dieses Textes in die Tasten haue. Platin-Trophäe, ich komme!

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Die Optik ist der absolute Wahnsinn, im Anbetracht dessen, dass es sich um ein Open-World Spiel handelt. Das kürzlich erschienene „The Last of Us Part 2“ ist natürlich nochmal einen ganzen Level drüber, aber hier ist die Spielwelt auch wesentlich komprimierter und die Story stets linear. „Ghost of Tsushima“ schafft es nach einer gewissen Eingewöhnungszeit, euch völlig einzuvernehmen und den Entdecker in euch zu wecken. Atmosphärisch ist „Ghost of Tsushima“ eine absolute Wucht. Die traumhaft schöne Optik mit ihren umfangreichen Wind-, Licht- und Partikeleffekten wird euch regelmäßig aus den Latschen hauen. Dabei macht es gar nicht so der Detailgrad aus, dem Team von Sucker Punch ist es viel mehr gelungen, eine perfekte Mischung aus allen optischen und akustischen Elementen zu schaffen. Immersiver geht’s aktuell im Open World Bereich kaum. Mit der PS4 Pro könnt ihr HDR aktivieren, wodurch die unglaublichen Farben und bunten Landschaften noch viel kräftiger wirken und euch in Staunen versetzen. Der Kurosawa-Modus legt einen Schwarz-Weiß-Filter über das Bild, lässt den Sound kratziger und dumpfer erscheinen und ein Filmrollen-Effekt verwandelt euer Spielerlebnis in eine spielbare Version eines Kurosawa-Samurai-Klassikers. Insgesamt ist „Ghost of Tsushima“ eine einzige, große Verbeugung gegenüber dem Altmeister des Samurai-Kinos, dem Schöpfer hinter der Star Wars Vorlage „Die verborgene Festung“ und von „Die sieben Samurai“, welcher später als „Die glorreichen Sieben“ neuverfilmt wurde. Besonders die Atmosphäre der Filmklassiker wird hervorragend eingefangen, dafür sorgen die pompöse Inszenierung und die traditionell japanischen Klänge. Teilweise sorgt dies sogar für den ein oder anderen Gänsehaut-Moment (Stichwort „Ghost Stance“). Fetischisten des Originaltons sollten sich aber im Klaren sein, dass die Originalsprache in diesem Fall Englisch ist. Bei der japanischen Sprachausgabe handelt es sich lediglich um eine Synchro, welche nur selten Lippensynchron ist und euch daher ein Dorn im Auge sein könnte. Dringende Erwähnung verdienen außerdem noch die unglaublich kurzen Ladezeiten, welche sogar künstlich verlängert werden mussten, damit die dabei gezeigten Spielehinweis nicht untergehen. Was ich persönlich für absolut Schwachsinnig halte, denn die Ladezeiten beim Schnellreisen sind immer noch derart kurz, dass man sowieso nicht richtig zum lesen kommt und es gibt andere Wege, um unerfahrene Spieler mit Tipps an der Hand zu nehmen.

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Das Gameplay kommt behäbig daher, fast schon entschleunigt. Gelegentlich fühlt man sich an „Shadow of the Colossus“ zurückerinnert, wenn man nahezu ohne HUD-Anzeigen durch die weiten Landschaften Tsushimas reitet. Die Kämpfe sind dafür aber umso temporeicher, intensiver und herausfordernder. Die anspruchsvollen Duelle und Bossfights werden z.B. speziell Souls-Veteranen den nötigen Reiz durch Selbstgeißelung verschaffen, zumindest im höheren Schwierigkeitsgrad! Wer noch ein wenig Muscle-Memory von Sekiro übrig hat, wird auch sehr viel nutzen von der Pariermöglichkeit machen. Grundlegend kann man in der Blockhaltung verweilen und aus dieser heraus angreifen, für das erfolgreiche Parieren wird man aber mit einem sicheren Gegnertreffer belohnt. Das Kampfsystem gestaltet sich anfangs hakelig, steif und überfordernd, sobald man den Dreh aber erst mal raushat, entwickelt sich jedoch daraus ein regelrechtes Schwertballett. Eure Gegner werden dabei in 4 Typen unterteilt und von euch zerteilt. Ihr tretet gegen Speer- oder Schwertkämpfer, Schildträger mit Schwertern und gegen bullige Brawler an. Für jeden dieser Typen gibt es eine eigene Schwerttechnik, zu welcher ihr wechseln müsst, um euren Gegner schnellstmöglich aus der Blockhaltung zu kloppen und danach ein paar saftige Treffer zu landen. Da es aber in den Kämpfen mal ganz schnell wuselig wird und euch große Gegnermengen + Bogenschützen gegenüberstehen, verfällt man aufgrund der überladenen Steuerung immer wieder mal in Panik und wird niedergemetzelt. Aber das tut dem Spielvergnügen keinen Abbruch, hier muss man einfach bei der Sache sein und gleichzeitig in Stresssituationen einen kühlen Kopf bewahren. Wenn’s mal gar nicht weitergeht, schlägt einem das Spiel vor, den Schwierigkeitsgrad zu reduzieren. Oder man geht einfach direkten Konfrontationen aus dem Weg und meuchelt sich ganz im Sinne des Geists von Tsushima über die japanische Insel. Die Schleichmechaniken entpuppen sich jedoch als arcadiger als erwartet, denn die KI lässt sich oft sehr leicht von euch an der Nase rumführen, aber auch hier macht das Gameplay richtig Spaß.

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Der einzige, richtige Schwachpunkt ist für mich die Story. Unser Hauptcharakter Jin ist ein durch und durch sympathischer, großartiger Zeitgenosse, keine Frage. Aber erwartet euch von der Hauptstory keine Storyrevolution, sondern freut euch auf eine simple, aber sympathiegeladene, fiktive Erzählung der realen Invasion der Mongolen auf Japan. Jins innerer Konflikt mit dem Kodex der Samurai weiß trotzdem zu unterhalten und seine Begleiter wachsen einem sogar richtig ans Herz. Die Beziehung zu eurem Pferd wird ebenso herzallerliebst dargestellt. Die Nebenquests schwanken von Standard-Sammelaufgaben bis hin zu großartigen Minierzählungen, sind dabei aber stets so kurzweilig, dass man keine verpassen möchte. Insgesamt erwartet euch eine ca. 20 bis 30 stündige Hauptstory mit genug Nebenaufgaben, welche euch sicher nochmal 30-40 Stunden beschäftigen werden, ihr kriegt also ordentlich was für euer Geld. Von mir gibt’s eine dringende Empfehlung, Fans des Genres und Samurai-Enthusiasten greifen zu, alle anderen sollten zumindest einen ausgiebigen Blick riskieren. Ich hatte nämlich fast durchgehend eine grandiose Zeit mit „Ghost of Tsushima“!

Fazit

„Ghost of Tsushima“ ist ein Open-World Action-Adventure wie aus dem Lehrbuch, verliert sich dabei aber nicht in Gigantomanie, sondern dampft die Karte auf ein überschaubares Maß herunter und konzentriert sich mehr auf Qualität als auf Quantität. Die unglaublich immersive Welt lässt euch tief ins mittelalterliche Japan abtauchen. Sobald ihr euch in ihr erst Mal zurechtgefunden habt, fühlt ihr euch tatsächlich wie der namensgebende Geist von Tsushima. Ein Samurai, der zum Wohle der Bürger gegen seinen Kodex handelt, um seine Insel vor den mordenden Mongolen zu retten. Bis auf die Hauptstory, welche solide, aber überraschungsarm und relativ simpel gestrickt ist, gibt es kaum etwas zu bemängeln. Das Kampfsystem ist wirklich gelungen und die Kämpfe haben ordentlich Wumms, da vor allem mit Blut nicht gespart wird. Optisch ist „Ghost of Tsushima“ ein absolutes Brett im Open-World-Bereich. Die Übermenge an Licht-, Wind- und Partikeleffekten wird euch in Staunen versetzen und das entschleunigte Gameplay, sowie die mit ganz viel Liebe erschaffene Welt werden euch etliche Stunden lang unterhalten und verzaubern. Schaut also unbedingt rein und lasst euch diese Perle als allmählichen Abgesang der Playstation 4 nicht entgehen!

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Pressematerial und ein kostenloses Testmuster wurden von Sony Interactive Entertainment zur Verfügung gestellt
Bildmaterial: © 2020 Sony Interactive Entertainment

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