Tenet – Review

Lang, lang ist’s her seitdem viele von uns das letzte Mal ihr Lieblingskino besucht haben. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, endlich wieder die Kinosäle zu stürmen, wenn auch mit Sicherheitsabstand und Mund-Nasen-Schutz. Die Rettung naht in Form eines waschechten Nolan-Blockbusters. Ja, ihr habt richtig gehört, Christopher Nolans neuester Kracher Tenet steht in den Startlöchern und wartet nur darauf, mit euren Sinnen den Boden aufzuwischen. Diesmal findet Nolan zurück zu seinen Wurzeln, er will sein Publikum nämlich wie schon mit „Inception“ nicht nur fordern, sondern regelrecht herausfordern. Er will uns an die Grenzen unserer Wahrnehmung bringen. Die Story präsentiert sich fast schon kryptisch. Ein Spion, der sich selbst nur der Protagonist nennt, muss sich einer gigantischen Bedrohung stellen, welche das Ende der Welt in Form des 3. Weltkriegs bedeuten könnte. Sein russischer Gegenspieler Sator ist im Besitz einer Technologie, wodurch er sich den Fluss der Zeit zu Nutze machen kann. Und genau jetzt wird es für mich schwierig, denn viel mehr will ich euch darüber eigentlich nicht verraten, dies hängt jedoch davon ab, wie ihr an den Film herantreten möchtet. Denn das filmische Gimmick, welches in Tenet zum Einsatz kommt, könnte euch überfordern. Wenn ihr euch den aktuellen Trailer anschaut, seid ihr auf das, was kommt, zumindest vorbereitet, seht aber schon fast alle der Setpieces und erfahrt schon einiges zur Handlung. Wenn ihr aber so wie ich völlig ohne Vorwissen ins Kino geht, dürft ihr zwar alles selbst entdecken, werdet aber von der Flut an Eindrücken fast schon erdrückt. Das unglaublich schnelle Pacing, gebündelt mit der bombastischen Menge an optischen und akustischen Impressionen, wird euch unerbittlich überrollen. Solltet ihr euch für die unvorbereitete Herangehensweise entscheiden, solltet ihr also vorab schon wissen, dass ihr den Film mindestens noch ein zweites Mal sehen wollt und werdet.

Damit alle weiterlesen können, werde ich nicht weiter auf die Handlung eingehen, sondern euch wie gewohnt meine Eindrücke und Emotionen vermitteln, die ich bei Tenet durchleben durfte. Hier müsst ihr euch nämlich wirklich anschnallen, die 150 Minuten Laufzeit sind dermaßen vollgestopft, dass kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Eines kann ich euch definitiv versprechen: Von der ersten Sekunde an werdet ihr sofort wieder wissen, was euch womöglich schon Monate lang gefehlt hat. Was Kino zu einem derart magischen Ort macht. Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an den Moment denke, in dem unser Protagonist zum ersten Mal losläuft und die wahnsinnige Wucht der IMAX-Soundanlage anfing, auf mich einzudonnern. Der inszenatorische Wahnsinn! Da Inception damals aufgrund der fast den kompletten Film über stattfindenden Exposition in der Kritik stand, wo einem ständig erklärt wird, was gerade passiert, dreht Nolan den Spieß mit Tenet fast schon um. Dies geht sogar so weit, dass es einem fast schon vorkommt, als würden die Charaktere die ganze Zeit um den heißen Brei herumreden, anstatt auf den Punkt zu kommen, denn menschliche, organische Dialoge kann der Regisseur auch weiterhin nicht, was sich in diesem Fall gerade noch so mit dem Spionage-Agenten-Handlungsrahmen rechtfertigen lässt. Wo wir gleich bei einem meiner größten Kritikpunkte wären. Emotional tat sich bei mir fast gar nichts. Unsere Hauptcharaktere sind durchaus sympathisch und liebenswert, allerdings nur in dem Rahmen, den die Handlung zulässt. Nolan lässt uns einfach nicht an die Figuren ran, sondern peitscht uns stattdessen von Handlungsort zu Handlungsort. Die Schauspieler selbst trifft da überhaupt keine Schuld. John David Washington macht seinen Job großartig. Was der Mann für eine unfassbar intensive Ausstrahlung hat, ganz der Papa! Ebenso sympathisch und großartig ist Robert Pattinson, der sich mehr und mehr zu einem meiner absoluten Lieblingsschauspieler mausert, ach freu ich mich auf „The Batman“! Ein ganz großes Lob verdient außerdem Elizabeth Debicki, welche die meisten von euch vermutlich von „Der große Gatsby“ oder „Widows“ kennen. Man merkt ihr an, dass in ihr jede Menge Reserven stecken würden, die sie aber aufgrund der getriebenen Handlung nicht abrufen kann. Einzig mit Kenneth Branagh als Bösewicht Sator hatte ich so meine Probleme. Auch hier liegt vieles an der wenig ausschraffierten Figur, bei welcher sich Nolan zu sehr auf Klischees verlassen hat, sein Schauspiel wirkte auf mich allerdings zu forciert. Sein aufgesetzter, russischer Akzent macht es da nicht besser. Da hätte man ruhig etwas tiefer in der Castingtrickkiste graben können.

Die Actionsequenzen sind ein zweischneidiges Schwert. Inszenatorisch und handwerklich der reinste Irrsinn, was hier für Zeit und Aufwand nötig gewesen sein muss, um das alles so in den Kasten zu bekommen, zum niederknien. Mehr lässt sich hierzu gar nicht sagen, Chapeau! Das Gimmick des Films macht es jedoch schwierig die Actionsequenzen in vollem Umfang zu genießen, da z.B. die Art der Kampfsequenzen teilweise so weit von den bekannten Sehgewohnheiten weg ist, dass es einfach nicht mehr greifbar bleibt. Richtig vorwerfen möchte ich dem Film das allerdings nur beim großen Finale, wo ich völlig die Orientierung verloren habe, da war es meiner Meinung nach zu viel des Guten. Alles andere möchte ich nach meinem ersten Durchgang nicht endgültig bewerten, da ich mir gut vorstellen kann, dass mit jedem weiteren Mal das Verständnis für die Szenen steigt und auch eine gewisse Gewöhnung einsetzt. All das macht Tenet zu einem absolut bewundernswerten Filmerlebnis, audiovisuell möchte ich sogar von einem Meisterwerk sprechen. Filmconnoisseure können sich die Hände reiben, dass alles zu entwirren, wird euch für lange Zeit beschäftigen. Ludwig Göransson sensationeller Soundtrack packt euch am Hemdkragen und katapultiert euch in eine Welt, in der Zeit anders funktioniert, als ihr es gewohnt seid. Für mich ist Tenet ein Filmerlebnis der Meisterklasse. Etwas derart komplexes und gleichzeitig forderndes schafft nur ein Christopher Nolan. Dabei überrollt er die Zuseher mit einer Wucht, die seinesgleichen sucht. Da wird ihm dieses Jahr aller Vorraussicht nach nur mehr Denis Villeneuve’s „Dune“ das Wasser reichen können. Im Gegenzug verlangt der Regisseur aber eure vollste Aufmerksamkeit, da man jede Sekunde Gefahr läuft, den Faden zu verlieren. Ob die Komplexität hier allerdings rein an der Oberfläche schlummert, wird sich erst nach jedem weiteren Durchgang zeigen. Prepare to be mindfucked!

Fazit

Mit Tenet gelingt Regisseur Christopher Nolan wieder Mal ein audiovisuelles Meisterwerk, mit dem er die modernen Sehgewohnheiten immer wieder außer Kraft setzt. Euch erwartet bombastische, größenwahnsinnige Spionage-Action. Speziell Nolan-Fans kommen voll auf ihre Kosten, denn näher an „Inception“ war kaum eines seiner letzten Werke. Das getriebene, fast schon gehetzte Pacing wird eure Gehirnwindungen ins Rauchen bringen und euch sogar komplett aus der Handlung rauskatapultieren, wenn ihr nicht bei der Sache bleibt. Gänzlich greifen lässt sich Tenet wohl erst beim zweiten, dritten oder gar vierten Mal. Wenn ihr immer noch auf einen Grund wartet, wieder ins Kino zu gehen, dann wird der euch hiermit geliefert. Lasst euch dieses ultimative Spektakel, diese Tour-de-Force, nicht entgehen, da lohnt sich sogar der IMAX-/Isense-Aufpreis! Meine Wertung vergebe ich diesmal aber mit Vorbehalt und somit nicht endgültig, ein endgültiges Urteil kann und will ich mir einfach nach dem ersten Mal noch nicht erlauben. Abzüge gibt es definitiv aufgrund der flachen Charaktere, dem sehr plastischen Drehbuch, dem überbordenden Finale und dem eher gesichtslosen Bösewicht, weniger als 8 von 10 Punkten bringe ich aber einfach nicht übers Herz. Nach dem zweiten Durchgang könnte es aber sein, dass ich nochmal nachbessere und auf 7 von 10 runtergehe, sollte sich herausstellen, dass es sich tatsächlich um mehr Schein als Sein handelt.

Kinostart: 26.08.2020

 

 

 

 

Pressematerial zur Verfügung gestellt von der Warner Bros. Entertainment Inc.
Poster: © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc.

3 Kommentare zu „Tenet – Review

Gib deinen ab

  1. Fanboy 😛 Mag sein, dass ich ihn beim 2. Mal etwas besser finde, aber mehr wie 7 von 10 wirds bei mir net werden 😀 Bei mir hat allerdings auch Inception nur 7/10. Am besten find ich eigentlich Insomnia und Prestige, also die, die er nicht (ausschließlich) selbst geschrieben hat.

    Noch etwas Werbung: Wir haben versucht, all seine Filme zu raten – https://filmpluskritik.com/2020/08/23/alle-filme-von-christopher-nolan-im-rating/

    Gefällt 1 Person

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