Systemsprenger – Review

Die kleine Benni, die eigentlich Bernadette heißt, ist ein echtes Problem. Sie wurde als Kind misshandelt und mutmaßlich vernachlässigt, hat aber gleichzeitig eine irrsinnige Bindung zu ihrer Mutter. All das hat sie zu dem gemacht, was sie ist, zu einem „Systemsprenger“. Diese Simplifizierung würde ihr aber nicht gerecht werden. Wie vielfältig ausgeprägt und tief ihre Dämonen sitzen, fächert uns Regisseurin Nora Fingscheidt in ihrem Regiedebüt auf. Von Außenstehenden betrachtet wäre der Fall nämlich simpel und klar: Benni ist eine Gefahr für sich und vor allem für ihre Umwelt und muss daher weggesperrt werden. Darum will uns die Filmemacherin verstehen lassen, dass hinter jedem noch so aus der Norm fallenden Kind, ein wertvoller, schützenswerter Mensch steckt. Es geht um Verständnis und Geduld, für einander, für unser Umfeld und vor allem auch für all jene, die sich nicht von unserem System einordenbar oder kontrollierbar machen lassen.

In dem 9-jährigen Mädchen schlummert neben ihrer unbändigen Wut, welche sich durch ihre Aggressionsschübe und Gewaltausbrüche äußert, jede Menge Angst. Durch diese Angst zieht sie sich aber nicht in sich zurück, sondern feuert offensiv aus allen Rohren. Sie flucht, pöbelt, schlägt und kreischt sich von Heim zu Heim. Im Handlungsverlauf lernen wir Benni aber auch von einer ganz anderen Seite kennen. Dies schafft Fingscheidts Erstling bravourös ohne jemals zu übertreiben oder zu kitschig zu werden. Nichts soll geschönt werden, vielmehr soll man mit allen Beteiligten mitfühlen und durch die ausweglose Situation mitleiden. Filmisch erwartet uns ein wilder Ritt durch das Leben der Kleinen. Stück für Stück wird man als Zuseher immer tiefer in ihre Welt gezogen. Alptraumsequenzen welche mit einem nassen Bett enden, werden von Farben hinterlegt, welche ihre Gefühlswelt reflektieren.

Mit ihrem neuen Schulbegleiter Micha gibt es aber auch einen Hoffnungsträger, der wohl der Einzige zu sein scheint, der die Verhaltensweise des Mädchens nachvollziehen kann. Dargestellt wird Micha von Albrecht Schuch, welcher eine unfassbare Bandbreite an Emotionen auf den Tisch haut. Sein Zusammenspiel mit der Benni-Darstellerin Helena Zengel wirkt derart echt, dass es weh tut. Und so kommen wir direkt zum eigentlichen, absoluten Highlight des Films.  Die kleine Helena Zengel ist nämlich der Wahnsinn. Was sie an Emotion und Kraft auf die Leinwand zaubert, ist für ihr Alter unglaublich. Wenn nämlich üblicherweise Kinderdarsteller eher in Nebenrollen glänzen, reißt sie hier das Ruder komplett an sich und trägt den kompletten Film mühelos. Echt, intensiv, herzzerreißend und aufrüttelnd. Perfekter hätte man ihre Rolle nicht casten können. Ebenso erwähnenswert ist Gabriela Maria Schmeide als Frau Bafané, eine für Benni zuständige Mitarbeiterin des Jugendamts. In einer bezeichnenden Szene ist sie der Auslöser, der wohl alle Dämme im Publikum brechen lassen wird. So hilflos hat man sich allein als Beobachter selten gefühlt.

‚Systemsprenger‘ soll diese Hilflosigkeit aller von Benni betroffenen Menschen spürbar machen. Denn wenn unser System scheitert, scheitern damit auch alle anderen. Kraftvolle Kameraeinstellungen und eine im Kopf bleibende Szene nach der anderen, machen den Film zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Einziger Kritikpunkt ist die minimal zu lang geratene Laufzeit von 118 Minuten. Zu Beginn des letzten Drittels wirkt sich diese spürbar auf das Pacing aus und es treten erste Ermüdungserscheinungen auf. Der emotionale Höhepunkt am Ende gibt den Zusehern dann aber doch wieder den Rest. Selten hat mich ein Film derart aufgerüttelt. Ein Film, der lange im Gedächtnis bleibt, einen beschäftigt und daraus hoffentlich wachsen lässt. Ganz großes Lob an alle Beteiligten, ich drücke Fingscheidts Regiedebüt bei den kommenden Oscars sowas von die Daumen! Grandios.

Fazit:

Was für eine emotionale Achterbahnfahrt. Nora Fingscheidts Regiedebüt ‚Systemsprenger‘ wird sein Publikum schockieren, zum Lachen bringen, ihr Herz erwärmen, in Tränen ausbrechen lassen und zur Verzweiflung treiben. Dafür wurde der Film bei der Berlinale mit dem silbernen Bären ausgezeichnet und für den kommenden Auslands-Oscar eingereicht – absolut verdient. Selten konnte man die Hilflosigkeit aller Beteiligten derart am eigenen Leib spüren. Die kleinen Benni vereinnahmt dank ihrer phänomenalen Jungdarstellerin Helena Zengel die komplette Laufzeit und übertrifft den ebenso großartigen übrigen Cast nochmal um Längen. Ein Film, der tatsächlich betroffen macht und damit eine Empfehlung für all jene, die ihren Emotionen freien Lauf lassen möchten. Systemkritik inklusive. Top!

Kinostart Österreich: 27.09.2019

Kinostart Deutschland: 19.09.2019

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Pressematerial zur Verfügung gestellt vom Filmladen Filmverleih

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