Midsommar – Review

Vor zwei Jahren hat Ari Aster mit seinem Langfilm-Debüt ‚Hereditary – Das Vermächtnis‘ sowohl Kritiker als auch Horrorfilmfans wachgerüttelt. Ein grandioser Horrorfilm der alten Schule gemischt mit einer Vielzahl aktueller Einflüsse. Das besondere an Asters Erstling ist jedoch die Art des Grusels. Er verzichtet völlig auf Jumpscares und lässt die trost- und hoffnungslose Situation auf sein Publikum wirken, frei von Effekthascherei und CGI-Monstern. Die Tragik und der Horror entfalten sich aus dem Familienleben. Dazu spickt er seine Filme mit jeder Menge Details, welche das Gezeigte mit Hintergrundinformationen erweitern und vor allem beim wiederholten Sehgenuss einen Heidenspaß machen. Nun kehrt Aster mit einem völlig anderen Kaliber zurück. Mit ‚Midsommar‘ tritt der Filmemacher nämlich in die Fußstapfen von Robin Hardys ‚The Wicker Man‘, diesmal verschlägt es uns zu schwedischen Midsommar-Festivitäten in die kleine, traditionelle Siedlung Hälsingland. Christian will dort mit seinen Freunden Zeit verbringen, nach einem äußerst schweren Schicksalsschlag drängt sich jedoch seine Freundin Dani auf und begleitet die Studenten auf ihrem Trip, ganz zum Unmut seiner Kollegen. Aus der zunächst harmlos wirkenden Forschungsreise entwickelt sich nach und nach ein Sturz in einen hell erleuchteten, blumenbedeckten Abgrund aus Drogen, Wahnsinn und Kultismus.

Gleich in den ersten Momenten zeigt uns der Regisseur, was er definitiv am besten kann. Dabei haut er uns ein abgrundtief tragisches und schreckliches Ereignis um die Ohren, welches die ohnehin schon psychisch sehr labile Dani völlig aus der Bahn wirft. Ein herber Schlag in die Magengrube, wie er perfider kaum sein könnte, verpackt in ein tiefschwarzes, düsteres Szenengewand. Dieser Düsternis weicht strahlendem Sonnenschein und bunten Blumenmeeren. Um seine Freundin auf andere Gedanken zu bringen, lädt Christian sie eher zwangsbeglückt ein, das Midsommar-Fest in Schweden zu besuchen. Pelle, ein schwedischer Freund der Gruppe, will ihnen nämlich die heidnischen Traditionen seines Dorfes näherbringen. Kaum dort angekommen gibt es psychoaktive Pilze für alle und der sich langsam entpuppende Horrortrip beginnt. Ein eigenartiges, befremdliches Ereignis folgt dem Nächsten und regelmäßig schüttelt man als Zuseher verwundert den Kopf. Oder man muss sogar herzhaft lachen, so skurril sind teilweise die Bräuche und Verhaltensweisen der Dorfbewohner. Die Darsteller, angeführt von Florence Pugh als Dani, bleiben allerdings überraschend profillos. Schauspielerisch solide und grenzüberschreitend, allerdings durch das Drehbuch kaum ausgearbeitet. Einer der Charaktere verschwindet sogar im Handlungsverlauf, ohne großartige Erklärung, was vorgefallen ist. Wir werden einfach vor das vollendete Schicksal der Person gestellt. Selbst im kürzlich in Amerika erschienenen Director’s Cut wird darüber nicht aufgeklärt.

Regietechnisch zeigt sich Aster erneut über jeden Zweifel erhaben. Die Sets, die Kostüme, der unglaubliche Detailgrad und der langsam heraufbeschworene, immer wieder hervorbrechende Horror sind auf absolutem Meisterniveau. Nahezu jede Einstellung ist malerisch gestaltet oder wird von der kreativen Kameraarbeit aufgewertet. Dazu kommen die halluzinatorisch anmutenden Effekte, welche die Trips der Protagonisten untermalen. Der Detailgrad lässt sogar Blut an Genitalien nicht außer Acht. Wie auch schon in ‚Hereditary‘ versteckt sich das Foreshadowing im Detail. Beim zweiten Durchgang einfach mal die Wände im Auge behalten. Außerdem macht das Gemälde zu Beginn des Films dann auch endlich Sinn! Trotzdem überzeugt die Geschichte nicht über die gesamte Laufzeit. Im letzten Viertel verschleppt sich der Streifen derart, dass das Finale stark an Wirkung verliert. Die Laufzeit von 139 Minuten ist einfach viel zu lang, obwohl der Regisseur laut eigenen Aussagen schon stark mit dem Rausschneiden so mancher Szene kämpfen musste. Insgesamt bleibt ‚Midsommar‘ jedoch ein durch und durch einzigartiges Werk, welches vor allem Cineasten das Herz erwärmen dürfte. Auch wenn die Formel des aufstrebenden Filmemachers allmählich stark sichtbar wird. Noch nie war Horror am helllichten Tag so schön!

Fazit:

‚Midsommar‘ bleibt zwar hinter ‚Hereditary‘ zurück, bedient aber ein Genre, welches längst ausgestorben schien. Das offensichtliche Vorbild ‚The Wicker Man‘ steckt Ari Asters Werk in die Tasche. Mit einer grandios verstörenden Anfangssequenz lässt er aufhorchen, wechselt dann aber in den strahlenden Sonnenschein. Dabei wischt er mit toxischen Beziehungen den Boden auf, verläuft sich aber im letzten Viertel zu stark, um als Meisterwerk durchzugehen. Fans des Regisseurs dürfen sich freuen, seine Handschrift ist nämlich in jedem Moment zu erkennen. Da hier aber kein Standard-Horror praktiziert wird bzw. manche sogar gar keinen Horrorfilm erkennen werden, sollten Aster-Neulinge vorsichtig sein. Sein Erstling eignet sich besser als Einstieg. Düster gruslig wird es fast nie, dafür unangenehm, befremdlich, schockierend und manchmal zum Wegschmeißen komisch!

Kinostart: 27.09.2019

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Pressematerial zur Verfügung gestellt vom Luna Filmverleih

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