Nomadland – Review

Da bin ich mal wieder! Ich weiß, ich weiß, ich war lange weg, da jedoch momentan das Kino im Grunde stillsteht, so steht zurzeit auch „Lynch’d Review“ nahezu still. Was aber überhaupt nicht schlimm ist, denn der Stapel an Filmen, der sich mehr und mehr auftürmt und mit wieder öffnenden Kinosälen auf uns lospreschen wird, möge umso großartiger werden. Außerdem bietet euch die Vielzahl an Streaming-Portalen jede Menge Klassiker und Unterhaltungsstoff für noch vermutlich unendlich viele Filmabende auf der Couch! Ich bleib euch in jedem Fall erhalten. Genug aber von den Vertröstungen, Disney hat mich nämlich mit etwas ganz Besonderem hervorgelockt, worauf ich mich schon sehr lange freue. Ein fast schon meditatives Filmerlebnis wartet auf uns und es nennt sich „Nomadland“. Hier bringt Regisseurin Chloé Zhao nach ihrem leider viel zu wenig beachteten Geheimtipp „The Rider“ uns den nomadischen Lebensstil vieler Amerikaner näher, welche ihr „Forever Home“ in ihrem Auto, ihrem Van oder in ihrem Wohnwagen gefunden haben.

Wir sind extrem nah an Frances McDormands Figur Fern dran und begleiten sie, wenn sie in ihrem kleinen Van, den sie stolz Vanguard nennt, kocht, wenn sie ihr Geschäft in der Wildnis verrichtet, wenn sie ihre Schichten bei Amazon schiebt, oder wie sie mit einer strahlenden Weihnachtsmannlampe als Nachtlicht schläft und dabei vom eigenen Wohnwagen träumt. Denn so lebt es sich für richtige Nomaden am günstigsten und komfortabelsten. Seit 2011 die alte Mine in Empire und mit ihr die ganze Stadt aufgelassen wurde und sie dadurch arbeits-, obdach- und heimatlos wurde, zieht sie von Wohnwagen-Siedlung zu Wohnwagen-Siedlung und hangelt sich von Minijob zu Minijob, um sich gerade so über Wasser zu halten. Eine Gesellschaft von Gleichgesinnten, angeführt vom dubiosen Youtube-Phänomen Bob Wells, verspricht neue Hoffnung. Kurz fühlt es sich wie eine Art Burning Man für Ausgestoßene und Rastlose an, schnell fühlt man sich aber irgendwie heimelig und man spürt Geborgenheit.

Die immer direkt an unserer Protagonistin klebende Handheld-Kamera behält sie die komplette Laufzeit über als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und die verletzliche und doch so starke Fern zieht uns dank der grandiosen Frances McDormand in ihren Bann. Wie sie mit wenigen Blicken und komplett ohne Worte jede Szene mit so viel Ausdruck, Leben und Tiefgang füllen kann, ist schlicht atemberaubend. „Nomadland“ ist ein tiefgehendes, wunderbares Stück Film mit jeder Menge Futter fürs Auge und für die Seele. Seid euch nur im Klaren darüber, dass ihr hier kein aufwühlendes, auf Unterhaltung getrimmtes Drama vorgesetzt bekommt und die Narrative kein festgesetztes Ziel verfolgt, es handelt sich vielmehr um eine ganz stille und dabei himmelhochjauchzende Momentaufnahme. Die endlosen Weiten der „Open Road“ fühlen sich echt an, als wäre die sich ständig wandelnde Welt ihr eigener Charakter, der Fern ihre Macht demonstriert, sie antreibt, ihren Kummer verstärkt, aber ihr auch Wärme schenkt. Die äußerst talentierte Regisseurin Chloé Zhao schafft mit ihrem Team spielerisch eine dichte, irgendwie ehrliche Atmosphäre einzufangen.

Frances McDormand in the film NOMADLAND. Photo Courtesy of Searchlight Pictures. © 2020 20th Century Studios All Rights Reserved

Gespielt werden die schrulligen Charaktere meist von echten „Nomads“, die eine Abwandlung von sich selbst spielen. Tippt doch mal Bob Wells in die Youtube-Suchleiste, den Herrn gibt’s nämlich wirklich, genauso wie seinen Youtube-Kanal! Dies trägt massiv zur realitätsnähe bei und verleiht „Nomadland“ einen dokumentarischen Touch. Diese Menschen wollen von sich erzählen und dabei ihre Erlebnisse und Umstände weitergeben, sie wollen nicht vergessen werden, sich aber auch nicht festnageln lassen. Sie versinnbildlichen den allseits beliebten Spruch „der Weg ist das Ziel“ und leben dieses Motto. Dabei werden sie mit wundervollen Orten, Panoramen und Landschaften belohnt. Ebenso bewundernswert ist, wie selbstverständlich Frances McDormand sich komplett organisch ins Geschehen einordnet und diesen Lifestyle perfekt verkörpert. Lediglich der Soundtrack will im ein oder anderen Moment ein wenig zu viel. Spontan kommt mir da direkt eine Szene in den Sinn, wo der von Klavier und Streichern angeführte Score über die Gitarre eines am Lagerfeuer sitzenden jungen Mannes donnert, nur um dann hastig und staksig auszuklingen. Fünf, sechs Gitarrenakkorde später knallen wieder Klavier und Streicher ohne Rücksicht auf Verluste drüber. Genauso sei ihr die ein oder andere Länge verziehen, denn das große Ganze überzeugt auf ganzer Linie.

Was auch immer die Zukunft für uns bereithalten mag, nutzt die Zeit und beschenkt euch selbst mit Filmen, die euch zum Reflektieren und träumen anregen und euren Horizont wertvoll und nicht mit Schwachsinn und Schwurbelei erweitern. Bei mir hat „Nomadland“ etwas ganz Besonderes geschafft, genau das was ich an Filmen und an Kunst am meisten schätze. Er haucht dem Zuseher regelrecht Leben ein und drängt einem auf wunderbar ruhige Art und Weise dazu, die Welt und all ihre Lebewesen zu erkunden, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und die doch so begrenzte Zeit mit jedem Atemzug zu genießen. Man möge mir nachsehen, dass ich aufgrund der aktuellen Zeiten vielleicht ein besonders leichtes Fressen für emotionsgeladenes Kino bin, in das man vor allem ganz viel von sich selbst reininterpretieren und reinreflektieren kann, aber ich hab‘s genossen und vor allem gebraucht! Und freu ich mich jetzt auf Marvels kommenden Blockbuster „The Eternals“, denn dort wird Frau Zhao als nächstes die Regie übernehmen!

Fazit

Chloé Zhaos neuestes Machwerk beschenkt uns mit einer Vielzahl an tiefgehenden, berührenden Aufeinandertreffen, prall gefüllt mit echter Menschlichkeit. Geschichten, die zu Tränen rühren, erzählt von echten Menschen, getragen von einer weiteren Glanzperformance von Frances McDormand und untermalt von atemberaubenden Eindrücken von Amerikas Natur. Umso mehr gelingt es der Regisseurin, die Sehnsucht nach einer normaleren Zeit zu wecken, aber nicht um in den alten Trott zurückzufallen, sondern um sich selbst und die Welt neu zu entdecken. Erwartet nur kein perfekt geschnürtes Hollywood-Drama mit klarem Ziel und typischer Erzählstruktur. Da wir jetzt langsam aber sicher wieder alle ins Kino dürfen, kann ich euch „Nomadland“ nur wärmstens ans Herz legen, besser kann man den ersten Abend an einem der tollsten Orte überhaupt nicht verbringen. Nicht umsonst gab es dafür den Oscar für den besten Film, für die beste Regie und für die beste Hauptdarstellerin. Herzliche Gratulation an das komplette Team hinter „Nomadland“!

Österreich-Start: 27.05.2021

Deutschland-Start: 01.06.2021

Schweiz-Start: 10.06.2021

Pressematerial zur Verfügung gestellt von Walt Disney Studios Motion Pictures Austria
Poster: © 2020 20th Century Studios All Rights Reserved

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