SLASH 2020 – Ich-chi, Pelikanblut, She Dies Tomorrow, Happy Face, Jumbo

Ich-chi

In „Ich-chi“ verschlägt es uns nach Jakutien ins tiefste, verschneite Russland. Timir besucht gemeinsam mit seiner Frau Lisa und Sohnemann Michil den ländlichen Bauernhof seiner Eltern und seines jüngeren Bruders Aysen. Eine Kette von Ereignissen bringt ein uraltes Ritual in Gang und treibt die Familie an den Rand des Wahnsinns. Ihr Heim und Hof birgt eine düstere Vergangenheit, die aufgrund der familiären Probleme wieder an die Oberfläche drängt. Ein hochinteressantes Horrorerlebnis, welches einem die unbekannte Kultur von Jakutien näherbringt, allerdings fehlt es ihm an Biss und Mut. Es wirkt fast so, als sei der Regisseur permanent mit der angezogenen Handbremse unterwegs und es gelingt ihm nie, seine doch so gut funktionierende Atmosphäre in gezielte Bahnen zu leiten. Potential gibt es hier nämlich zu Hauf. Die Inszenierung, die Bilder, das Schauspiel, alles zeugt vom Talent des Regisseurs und des Casts, es fehlt aber am letzten Kick. Die doch so vielversprechende Prämisse entpuppt sich als handzahme Geschichtsstunde anstatt als handfestes Horrorerlebnis. Richtige Anspannung, Grusel oder echten Horror kann Regisseur Kostas Marsaan leider kaum erzeugen. Insgesamt ist „Ich-chi“ aber trotzdem sehenswert, irgendwie umweht die Folklore dann doch ein ganz eigener, faszinierender Wind! Für den Regisseur habe ich persönlich ganz große Hoffnungen, ein Gespür für atmosphärisch dichtes Erzählen hat der Mann nämlich!

She Dies Tomorrow

Amy Seimetz dürften viele von euch als Darstellerin kennen, so war sie z.B. erst vor kurzem im Remake zu „Friedhof der Kuscheltiere“ zu sehen. Immer wieder überrascht sie uns auch als Regisseurin. Sie leidet unter Panikattacken und die Idee zu „She Dies Tomorrow“ kam ihr, als ihr aufgefallen ist, wie sehr sie andere mit ihren Geschichten darüber beunruhigt, als würde sie ihre Mitmenschen mit dieser Panik anstecken. Ihr neuestes Werk ist also eine Verbildlichung dessen, was uns in der anhaltenden Pandemie umtreibt und droht, uns ins Chaos zu stürzen. Die Panik, die uns die Kehle zuschnürt und unseren Atem beschleunigt, dürfte Einigen von uns bereits widerfahren sein. Als Seherlebnis erweist sich „She Dies Tomorrow“ als echte Herausforderung. Die ausdrucksstarke Inszenierung und die glasklaren Bilder laden dazu ein, sich ganz und gar komplett in den Film hineinfallen zu lassen. Der Mangel an tatsächlicher Handlung und die oft zu lang gezogenen Szenen fordern einem aber auch so einiges ab. So war ich die gesamte Laufzeit über zwar fasziniert von der Bildgestaltung und den grandiosen Darstellern, das Ende selbst fühlte sich aber schal an und hinterlässt eine gewisse Leere. Umso erstaunter bin ich davon, wie sehr Amy Seimetz neueste Hypnosesitzung nachwirkt und zum Nachdenken anregt. Genau diese Leere könnte nämlich eigentlich der Punkt sein!

Pelikanblut

„Pelikanblut“ ist einer der wohl ungewöhnlichsten Filme des diesjährigen Festivals, weil er auf den ersten Blick so gar nicht ins Programm passen will. Die Pferdetrainerin Wiebke möchte ein zweites Mal adoptieren, ihr neuer Schützling Raya bringt die mit allen Wassern gewaschene Frau jedoch an den Rand der Verzweiflung. Das kleine Mädchen zeigt sich nämlich nicht nur komplett abweisend und unnahbar, sie neigt außerdem zu extremen Aggressions- und Gewaltausbrüchen. Wiebke will Raya aber nicht einfach aufgeben, sondern überschreitet eine Grenze nach der Anderen. Über weite Strecken funktioniert Katrin Gebbes Drama wirklich sehr gut. Der komplette Cast weiß zu überzeugen und die Inszenierung funktioniert aufgrund der zurückhaltenden, echten und kühlen, aber niemals unterkühlten Atmosphäre hervorragend. Problematisch ist allerdings das angeheftet wirkende Finale, mit welchem sich die Regisseurin eher aus der Affäre zu stehlen versucht und welches sich einfach nicht organisch in die Erzählung einfügen mag. Zusätzlich erschweren einige Längen im letzten Drittel das Seherlebnis und zehren auf teils repetitive Art am Durchhaltevermögen des Zusehers. Dass der Film nachwirkt kann man ihm wirklich zugutehalten, nach längerer Verarbeitung bleibt für mich aber ein eher fader Nachgeschmack. Über das Ende lässt sich streiten und dies hängt wohl mit den Erwartungen zusammen, die man bis dahin aufgebaut hat. Hier driftet die Geschichte nämlich für meinen Geschmack zu sehr ab und der recht radikale Tonwechsel wirkt zu forciert, um sich organisch ins Gesamtbild einzufügen. Erzwungen versucht man mit aller Kraft zu einem versöhnlichen Ende zu kommen. Wo da jetzt wirklich die übergeordnete Intention stecken mag, möchte sich aber nur sehr dürftig erschließen. Built to polarize.

Happy Face

Als Stans Mutter an Krebs erkrankt und somit auch seine Welt komplett aus den Fugen gerät, sieht der 19-Jährige nur eine Möglichkeit, um damit umzugehen: Er schleicht sich mithilfe des Therapieplatzes der Mutter in eine Selbsthilfegruppe für entstellte Menschen ein, indem er sich sein Gesicht mit Klebeband und Bandagen deformiert. Die Ansätze der Gruppenleiterin gefallen ihm allerdings so gar nicht und so versucht er kurzerhand die Gruppe durch seine Vorstellung von Konfrontationstherapie an sich zu reißen. Wie Regisseur Alexandre Franchi selbst vorab in einem kurzen Video erklärt hat, verarbeitet er mit „Happy Face“ einen persönlichen, tragischen Schicksalsschlag. Dabei zeigt sich der Regisseur nicht unbedingt von seiner besten Seite, was natürlich absolut gewollt sein könnte. Hauptcharakter Stan drängt sich ständig in den Vordergrund und schreit nur so nach Aufmerksamkeit. Die wirklich dramatischen Schicksale der Gruppenteilnehmer bleiben dadurch sehr oft auf der Strecke. Die völlig daherkonstruierte Handlung verläuft sich regelmäßig und die gut gespielten Charaktere tun sich sichtlich schwer dabei, sich ins Herz des Zusehers zu spielen. Wenn er sich dann doch mal auf das Schicksal der Mutter fokussiert, beweist er extrem viel Feingefühl. „Happy Face“ bleibt für mich ein eher zweischneidiges Filmerlebnis. Einerseits haben mich viele der Szenen mit Stans Mutter wirklich heftig in Tränen ausbrechen lassen und irgendwann ist einem die Gruppe dann doch sehr ans Herz gewachsen, der unglaublich unsympathische Hauptcharakter, das anorganische, daherkonsturierte Drehbuch, die regelmäßigen Längen und das äußerst schale Ende sorgen allerdings dafür, dass es nur für ein minimal überdurchschnittliches Filmerlebnis reicht.

Jumbo

„Jumbo“ ist nicht nur Zoé Wittock’s herzerwärmendes Statement zur Objektsexualität, sondern zu Sexualität im Allgemeinen. Die junge Jeanne arbeitet neben der Schule als Aushilfe und Putzkraft im örtlichen Vergnügungspark. Mit ihrer alleinerziehenden und junggebliebenen Mutter kommt sie sehr gut klar, dass sie sich zu Objekten wie z.B. Steinen hingezogen fühlt, behält sie aber trotzdem lieber für sich. Als eines Tages ein neues Fahrgeschäft im Park aufgebaut wird, scheint es um Jeanne geschehen. Eines Nachts kommen sich Jeanne und der von ihr umgetaufte Jumbo näher, als es für außenstehende überhaupt möglich zu sein scheint. Die Regisseurin beweist ein unglaubliches Feingefühl für die äußerst ungewöhnliche Thematik. Sie lässt uns so nah an unserer Protagonistin ran, dass es uns tatsächlich möglich ist, einen Zugang zu ihren Gefühlen zu finden. Es entspinnt sich eine wirklich liebenswerte Coming-Of-Age Story, die zwar in gewissen Momenten zu langsam erzählt wird, aber spätestens beim herzallerliebsten Finale für das ein oder andere Tränchen sorgt. Noémie Merlant Performance sprüht vor Charme und Sympathie. Sie allein trägt einen großen Teil dazu bei, dass die außergewöhnliche Liebesgeschichte funktioniert. Wittock’s geschickte Vermischung von 80s, 90s und Neuzeit punktet zusätzlich mit Nostalgie. Schrullig, liebenswert, verschroben und herrlich komisch!

Pressematerial zur Verfügung gestellt vom SLASH Filmfestival

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